Sigmar Polke – Daphne (sign.)
400 Xerographies in 24 sequences | 400 Xerographien in 24 Folgen
Polke, zweifellos Künstler und Erfinder von Weltrang, war auch Meister der Manipulation am Kopierer. Hier erzählt er mit Hilfe einer Xeroxmaschine 24 Bildgeschichten mit Titeln wie Betriebsfest / Opium / Stiefellecker / Abstrakte Komposition laufend / Die Droge Wirklichkeit. Als Vorlagen nutzt er Kopien aus dem Fundus seiner geheimgehaltenen Archivschränke mit Sujets aus Literatur, Illustration, Fotografie und kunsthistorischen Quellen.
Er manipuliert den Kopiervorgang durch Verdrehen, Ziehen, Zerknüllen der DIN A 3-Blätter, Doppelbelichtung und Bewegungsunschärfe und dies alles in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Entstanden ist ein verwirrendes, phantasievolles Puzzle von Original, Verfälschung, Einbildung und kunstvollen Trugbildern, Sinnestäuschungen, Gespenstererscheinungen, verrücktes Zeug – ein wunderbares, seltsames Buch zu „Original und Fälschung“.
Das von Reiner Speck in Zusammenarbeit mit dem Künstler konzipierte Buch »Daphne« gibt Einblick in die Werkstatt Sigmar Polkes und in das durch subtile Ironie bestimmte Werk eines der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Mit dieser Anthologie von Bildfindungsquellen und Dokumenten wird Polkes Schöpfungsprozess in vierundzwanzig Kapiteln am Beispiel von großformatigen Fotokopien beleuchtet. So offenbart sich die ungewöhnliche Methodik einer Bildgenese. Die alte Form des handlichen Skizzenbuches scheint abgelöst vom Aktenordner, der diese manipulierten Blätter aus Kopiergeräten versammelt.
Irgendwann einmal wird das ein oder andere Blatt zum Motiv eines großen Bildes oder eines kleineren graphischen Zyklus’. Die Dramaturgie später zu schaffender Werke beginnt vor dem Kopiergerät, ihre Dramatik wird durch Hand und Blick des Künstlers bestimmt. Druckpunkt und Raster, Sujet und Geschwindigkeit bestimmen das scheinbar unvorhersehbare und zuweilen schwer deutbare Geheimnis eines Bildes, dessen Entwürfe dem Abfall einer Reproduktionsmaschine gleichen.
Auch wenn die im Buch dokumentierten Sujets nur einen kleinen Einblick in die bisher geheimgehaltenen Arbeitsschränke und Archive des Künstlers geben, so ist es doch ein wesentlicher. Das Einzigartige des vorgelegten Bandes ist die tautologische Handhabung und Reflexion seines Entstehungsprozesses: Die Originalkopien wurden im gleichen Verfahren in ihrer ursprünglichen Größe reproduziert, geordnet und gebündelt. Erstmals ist so ein Künstlerbuch mit einer solchen Aura an Authentizität entstanden, so dass anhand dessen Walter Benjamins Essay »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« neu gelesen werden muss.